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„Aufbruch der Unternehmensdemokraten“ (freiräume.camp 2016)

Viele Organisationen suchen Wege und Ideen, um auf die gestiegene Komplexität am Markt zu reagieren. Privatwirtschaftliche Unternehmen oder öffentliche Verwaltungen und Schulen stehen vor Herausforderungen, die einzelne Führungskräfte nicht mehr allein bewältigen können. Die altbekannten Managementwerkzeuge sind stumpf geworden. Auf dem freiräume.camp 2016 in der Hochschule Hannover gab es die Möglichkeit, von den Experimenten und Erfahrungen anderer Organisationen zu profitieren.Volker Walpuski war für Orevo dort.

Andreas Zeuch eröffnete die Konferenz mit dem Eingangsvortrag „Alle Macht für niemand“. Darin berichtete er von Unternehmen, die andere als die üblichen Formen des Wirtschaftens in Hierarchie und Eigentum erfolgreich gewählt haben oder aber auch damit gescheitert sind. Schon er verdeutlichte, dass demokratische Mitbestimmung zum Erfolg führen kann, aber nicht muss - ebenso wie klassische Führung und Hierarchie keine Erfolgsgaranten sind. Erfolgsversprechend ist kompetentes Handeln auf dem eingeschlagenen Weg.

In einer anschließenden Fuck-Up-Line präsentierten Tim Böttcher und Arwid Kassner (arvato eCommerce): „20 Fehler in 60 Minuten – Impressionen einer agilen Transition“. Ihre Abteilung, die einen Fashion-Online-Shop verantwortet, wurde restrukturiert (wie auch immer Passivformulierungen zu einem beteiligungsorientierten Ansatz passen mögen.). Es enstanden acht neue Teams, die nun nach der agilen Methode Scrum arbeiten. Aus den Fehlern - danke für die offene Präsentation! - wurde sichtbar und bestätigt, dass eine Transitionsphase (Restrukturierung?!) neben dem IT-KnowHow zu Scrum vor allem eine organisations- und kommunikationstheoretisch versierte Prozessbegleitung (Facilitating) benötigt. Diese kann dann prozessorientiertes Arbeiten, das seit über 40 Jahren in den Sozialwissenschaften bekannt und erprobt ist, mit dem Wording agiler Methoden und ihrer Skalierung auf ganze Organisationen zusammenbringen. Das Rad muss dafür nicht neu erfunden werden (wird es aber in der agilen Welt gerade häufiger).

In der nächsten Stunde schaute Arvin Arora (AIM Agile IT Management) auf die Natur: „Von der Natur abgeschaut: das Viable Systems Model und andere (agile) Modelle in der Praxis“. Er fügte kybernetische Ansätze des St. Galler Management-Modells und von Stafford Beer mit (agilen) Organisationsmodellen zusammen, blieb dabei jedoch leider etwas kryptisch.

Alexander Krause (Agil inform) führte dafür nach dem Mittagsbuffet umso praxisnäher in Design Thinking ein („Produkte schneller entwickeln mit Design-Thinking“), indem er die Workshopgruppe einfach Produkte mit Design Thinking und Video Prototyping entwickeln ließ. In kurzer Zeit entstanden Videos zu Lufttaxen und Hotelzügen; anschließend wurde die Methode noch einmal ausführlich erklärt. Die lässt sich nicht nur für Produktinnovationen anwenden, sondern ist auch längst erprobt für die Organisationsentwicklung (vgl. Zeitschrift für Organisationsentwicklung 2/2012).

Zum Schluss stellte Uwe Lübbermann das getränkevertreibende Internet-Kollektiv Premium Cola (Hamburg) vor. Er begeisterte das Auditorium mit seinen Berichten, die zeigten, dass man auch entgegen der klassischen Betriebswirtschaftslehre ein Unternehmen erfolgreich lenken kann. Das liegt auch am zugrundeliegenden Wertekonzept von Verbindlichkeit, Begrenzung, Fairness, Beteiligung aller stakeholder sowie Freiheit und non-monetärem Gewinn, sicher aber auch an der Größe (Kleinheit) des Netzwerkkerns.

Die Teilnehmenden waren zufrieden mit der eingesetzten Zeit, auch wenn immer wieder der Eindruck entstand, dass die klassischen Fragen der Arbeitsorganisation in neuen Gewändern auftraten:

  • zentrale vs. dezentrale Aufgabenbearbeitung
  • Kontrolle vs. Vertrauen
  • Führungsstile zwischen autoritärer und partizipativer Führung
  • die Notwendigkeit kontinuierlicher Aushandlungsprozesse in Organisationen

Und recht häufig schaute auch das Gespenst neoliberaler Psychopolitik (vgl. Byung-Chul Han: Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken) durch die Fenster, wenn Engagement, Arbeitsleistung und hohe Zufriedenheiten in Verbindung mit Selbstbestimmung gepriesen wurden.

  

Weitere Eindrücke finden sich auch bei Twitter unter #frrm16.

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