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Konfliktmanagement-Kongress 2016 in Hannover

Der Bogen des 13. Konfliktmanagement-Kongresses 2016 im Landgericht Hannover war weit gespannt: Von persönlichen Highlights möchte Volker Walpuski, lizensierter Mediator BM®, rückblickend berichten:

Den Eröffnungsvortrag „Abwehrhaltungen und Willkommenskultur in der sog. Flüchtlingskrise“ hielt Prof. em. Dr. Klaus J. Bade, der Konfliktmanagement als präventive Arbeit einforderte statt der zu häufig praktizierten kurativen „Blaulicht-Intervention“. Mit spitzer Zunge kommentierte er die bundespolitischen Entscheidungen und Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte und diagnostizierte eine „retrospektive defensive Erkenntnisverweigerung“. Sein sehr hörenswerter Vortrag gliederte sich in vier Abschnitte:

  1. Die sogenannte Flüchtlingskrise
  2. Politikangst, Politikversagen, Angst
  3. Integration in der sogenannten Flüchtlingskrise
  4. Staatlich-behördliche Willkommenskultur vs. bürgerschaftliche Willkommensbewegung

Dr. Bade beschrieb die Flucht- und Migrationsbewegungen als wachsende Weltkrise, ausgelöst durch ökologische, ökonomische, politische und/oder religiöse Treiber („Push“) und Locker („Pull“). Nicht nur Gesellschaften oder die Europäische Union befände sich in einer Krise, auch die Flüchtenden selbst hätten als Akteure nur sehr geringe Entscheidungsspielräume und befänden sich in Krisensituationen. Das pragmatische Handeln vieler Kommunen hätte in den letzten Monaten Vieles gerettet.

Der „gewissermaßen globale Schabowski-Effekt“, den Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel mit ihrer „Wir schaffen das!“-Einladung ausgelöst hatte, verglich Dr. Bade mit Goethes Zauberlehrling, dem allerdings der Meister fehle, der den ganzen Spuk mit einem Wink beenden könnte. Wie kurz zuvor die Karlsruher Soziologin Annette Treibel schlug auch Bade „Orientierungskurse“ für Deutsche vor, um größere Bevölkerungsanteile für die Herausforderungen der Integration zu erreichen.

Dabei unterschied er zwei wesentliche Lager, die Kulturpragmatiker und die Kulturoptimisten, die einer kulturellen Öffnung offen gegenüberstehen, sowie die Kulturpessimisten, die den Untergang des Abendlandes heraufbeschwörten. Hier gelte es unter anderem, wirtschaftliche Interessen mit humanitären Pflichten in ein gutes Verhältnis zu setzen. Dazu fehle weiterhin ein klares Einwanderungsgesetz.

Auch wenn ein solches Gesetz vom Bund ausginge, erfolge und gelänge Integration auf lokal-kommunaler Ebene und müsse hier stark gefördert werden.

Nach Dr. Bades Ansicht wird der Migrationsdruck weiter anhalten, so dass in Deutschland generell sehr viel mehr interkulturelle Kompetenz gebraucht würde. Diese interkulturelle Kompetenz müsse jeder erwerben, nicht nur Migranten, ebenso Deutsche. Perspektivisch wird der Begriff „deutsche Mehrheitsgesellschaft“ dysfunktional, weil durch die Migration insbesondere in Städten Hyperdiversity entstünde; Frankfurt, Augsburg und Stuttgart sieht Dr. Bade als Vorreiterstädte. Hier wird es bald nur noch unterschiedlich geprägte Minderheiten in unterschiedlichen Gesellschaftsanteilen geben, aber kaum noch eine gemeinsame Leitkultur oder Mehrheitsgesellschaft. Bade sieht sowohl soziale wie politische Konflikte und sucht mediative Prophylaxe bspw. in der „Opferkonkurrenz“ zwischen einheimischen Armen und Flüchtlingen.

Die sogenannte Willkommenskultur beschrieb Bade als eher technische, von oben gestiftete Kultur, der eine ehrenamtliche, bürgergesellschaftliche Bewegung mit hohem Engagement entgegensteht, die wesentlich von jüngeren, hoch gebildeten Frauen getragen würde. Diese Bewegung hat drei inhaltliche Kerne:

  1. Humanitäre Hilfe für Flüchtlinge
  2. Protest gegen restriktive Politik („Kein Mensch ist illegal“)
  3. Kampf gegen Hassideologien

Dabei verändere sich die Situation gerade: Während sich die Aufgaben der Ehrenamtlichen wandeln von ‚Überleben sichern‘ zu ‚Lebensplanung‘ versuche die Verwaltung, nun professionell die Aufgaben anzugehen und das zurückzuholen, was in der akuten Krisensituation nur dank der Ehrenamtlichen geleistet werden konnte.

Für Mediation und Konfliktmanagement sieht Dr. Bade vor diesem Hintergrund zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben.

An diesen Vortrag schloss sich ein Vortrag von Prof. Dr. Ulla Gläßer von der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, zum Stand der Mediation in Deutschland an. Ihrer Auffassung nach gibt es aktuell kaum valides Datenmaterial, auch, weil Mediation trotz des Mediationsgesetzes eine begriffliche Grauzone darstelle. Vor allem in innerbetrieblichen Mediationen und Konfliktlösungen konnte Dr. Gläßer einen großen Anstieg erkennen. Aber auch die UNO mit ihrer mediation support unit hat sich kürzlich klarer zur Mediation positioniert, und das Auswärtige Amt hat ein Referat „Friedensmediation“ eingerichtet.

Das Mediationsgesetz selbst sei sehr lückenhaft und bewusst als „lernendes Gesetz“ angelegt. Die just anstehende Evaluation soll es in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess weiterentwickeln. So kommen derzeit viele Mediationssettings im Gesetz nicht vor, und auch die häufigen Dreieckskontrakte finden keine Berücksichtigung. International seien Vorschriften nicht harmonisiert, was grenzüberschreitende Mediation erheblich erschwere.

Die „Verordnung über die Aus- und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren“, die zum 1.9.2017 in Kraft treten wird, fordert eine Selbstkontrolle. Dies erachtet Gläßer (wie schon in der Eröffnungsrede auch die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz) nicht dauerhaft als Gütesiegel geeignet weil unkontrollierbar, zumal Mediatoren nicht das scharfe Schwert des Wettbewerbsrecht nutzten – das sei nicht mediativ. Sie sieht hier die großen Mediationsverbände in der Pflicht. Auch die Verpflichtung zur Supervision kritisierte sie deshalb, weil ‚Supervision‘ als ungeschützter Begriff durch die Rechtsverordnung nicht ansatzweise definiert werde.

Dr. Gläßer konstatierte, dass die theoretische Fundierung der Mediation lückenhaft sei. Dazu gehörten sowohl eine Methodenentwicklung als auch die Wirksamkeitsforschung. Wirkliche Empirie sei kaum vorhanden, und es fehlt die Begründung und Förderung einer Mediationswissenschaft (Anmerkung: Hier lassen sich Parallelen zu den Beratungswissenschaften feststellen).

Von den anschließenden Workshops ist der von PD Dr. Hendrik Fenz zum islamisch geprägten Mediationskonzept „Sulh al-Sharia“ hervorzuheben, der seine Beiträge im „Spektrum der Mediation“ deutlich ergänzte. Hier wurde sichtbar, was interkulturelle Kompetenz in Bezug auf islamische Kulturen bedeuten kann, und wie uns unser Ethnozentrismus die Sicht verbaut. Wertvoll war der Hinweis auf unterschiedliche Bewertungen von Konflikten. Während die westliche Welt Konflikte tendenziell positiv bewertet und sie offensiv angeht, weil sie Fortschritte ermöglichen, bewertet der Orient Konflikte tendenziell negativ und reagiert mit Rückzug, weil sie Gesichtsverlust bedeuten. Möglicherweise lässt sich dies auch im Kontext der von Geert Hofstede beschriebenen Kulturdimensionen individualisitische versus kollektivistische Gesellschaft (IDV) verstehen. Unterschiedliche Gesellschaften priorisieren demnach unterschiedlich die Sachebene oder die Beziehung und räumen damit auch unterschiedliche Zeitkontingente für eine Klärung ein (schnelle Ergebnisse/Lösungen versus gute (win/win) Lösungen).  

Insgesamt lässt sich wieder feststellen, dass der Konfliktmanagementkongress gut vorbereitet und äußerst lohnend war. Die Auswahl war zu groß: Auch die Workshops Mediation in der kommunalen Flüchtlingsarbeit oder Konflikten im Umfeld von Unterkünften – Analyse und Handlungsoptionen lockten. Zum Glück ist die Dokumentation der Workshops online verfügbar. Und es bleibt die Vorfreude auf weitere spannende Kongresse, das nächste Mal im Herbst 2017.

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