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„Fest halten ohne festzuhalten. Psychoanalytische Aspekte der Supervision.“ (Fortbildung Reflexive Supervision)

In der „Theoriereihe Reflexive Supervision. Sozialwissenschaftliche Einmischungen“ an der Universität Bielefeld stellte der Psychologe und Autor Thomas Auchter aus Aachen am 12. März psychoanalytische Aspekte der Supervision in einem sehr hörenswerten Vortrag vor: Er stellte einen Bezug zwischen Donald Winnicotts Konzept des Haltens („concept of holding“) und einer wichtigen Funktion der Supervision in der Postmoderne her.

Gerahmt wurde Thomas Auchters Vortrag vor rund 60 Zuhörer_innen durch eine Einführung von Professorin Dr. Katharina Gröning. Sie stellte schnell den gesellschaftlichen Kontext her, indem sie auf die dynamischen, fragilen und flexiblen Teams in der heutigen Arbeitswelt verwies: Teams werden klinisch, und es kommt zu Kommunikationsstörungen (Aphasie). Supervision kommt danach immer mehr die Funktion eines Fixpunktes zu, die Kontinuität und eine Art Geborgenheit in sich ständig verändernden Umwelten und Systemen schafft. Supervision müsse aus- und zusammenhalten, was auseinanderdriftet.

Auchter ließ seine Erfahrungen als Psychoanalytiker einfließen: Denn aus analytischer Sicht lasse sich diese gegenwärtige Haltlosigkeit in vielen Phänomenen wie einer religiösen Sinnsuche, der Unterwerfung unter vermeintliche Experten („Expertokratie“) und Autoritäten oder in Gewalt wiederfinden. Auch die absolute Ich-bezogenheit, also das Halten im Selbst, gäbe es. Hier helfe Winnicotts Konzept des Haltens weiter, das drei Phasen in der frühkindlichen Entwicklung beschreibt:

1. Archaisches Halten

2. Primäres Halten

3. Sekundäres Halten

Für die supervisorische Praxis stellt sich damit die Frage, wie ein primäres und sekundäres Halten in der Supervision aussehen kann. Als zentral wurden hier Prozessanfänge benannt, aber auch danach noch gelte es, stabile Möglichkeitsräume zu schaffen. Dies kann durch beidseitige Vertrauensvorschlüsse geschehen, aber auch durch das supervisorische Aushalten von Verunsicherung und eine unwissenden Neugier. Grundsätzlich spiegelt sich das Halten auch wieder in der professionellen supervisorischen Grundhaltung.

Thomas Auchters Vortrag wird in der nächsten Ausgabe der Forum Supervision. Onlinezeitschrift für Beratungswissenschaft und Supervision (kostenlos bei Registrierung) erscheinen.

Ein am Rande gefundener, funkelnder Schatz war der Ausflug in die Lyrik Paul Celans: „Die Halde“ (1954; Text hier online verfügbar oder in: Paul Celan. Von Schwelle zu Schwelle. Stuttgart 1955) fasst erstaunlich treffend postmoderne Lebenswelten, wie sie unter anderen die Soziologen Hartmut Rosa oder Uwe Bröckling beschreiben, in Verse.

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