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6. Kongress für psychodynamisches Coaching und psychoanalytische Sozialpsychologie Führung – “good enough” (Fachtagung in Kassel)

Volker Walpuski hat am "6. Kongress für psychodynamisches Coaching und psychoanalytische Sozialpsychologie" vom 13. bis 14. Februar 2015 an der Universität Kassel teilgenommen. Ein kurzer Rückblick:

Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut/Goethe Universität Frankfurt am Main führte in die Tagung ein. Dabei griff er auch auf die im vergangenen Jahr veröffentlichten Studienergebniss "Riskante Arbeitswelten" zurück und zog den Bogen zum Tagungstitel „Good enough“ mit der Frage: Kann das psychoanalytische Konzept von Winnicott einen wertvollen Beitrag für die Diskussion um gute Führung leisten?

Prof. Dr. Kathrin Rosing von der Universität Kassel präsentierte im Anschluss Forschungsergebnisse

zum Alter von Führungskräften. Dabei griff sie auf das von Raymond Bernard Cattell entwickelte Zwei-Faktoren-Modell aus der Intelligenztheorie zurück. Zwar können jüngere Menschen schneller und innovativer Probleme lösen (fluide Intelligenz), aber ältere Menschen haben ein erhebliches Erfahrungswissen (kristalline Intelligenz). Beide sind für unterschiedliche Problemstellungen gut. Abgesehen von der Schwierigkeit, „gute Führung“ zu definieren, scheint die Führungsfähigkeit im Alter abzunehmen. Es sei denn, die Anreize oder Rahmenbedingungen werden geändert: So motiviert beispielsweise die Möglichkeit, etwas zu Hinterlassen oder Weiterzugeben ältere Führungskräfte derart, dass ihre Führungsfähigkeit sogar zunehmen kann. Für UnternehmerInnen oder Selbstständige ist das nachvollziehbar, doch wie lässt sich diese Generativität innerhalb einer Organisation realisieren?

Der zweite Tag begann mit einem sozialen Experiment von Prof. em. Dr. Burkard Sievers: „Social Dreaming“ in einer Traummatrix war eine assoziative Annäherung an die Thematik des Kongresses. Leider war die Zeit für das Experiment und seine Auswertung zu knapp (und ein passendes Graffito fand sich auf dem Rückweg zum Bahnhof auch).

 

Dr. Axel Kalus, Erster Polizeihauptkommissar im Polizeipräsidium Münster sprach im Anschluss über „Führung in kritischen Situationen – Führungskonzepte in der Polizei“. Neben der Allgemeinen Aufbauorganisation (AAO) für den Alltag, normative und strategische Prozesse nutzt die Polizei eine Besondere Aufbauorganisation (BAO) für die situative und operative Führung. Was das im Fall von Geiselnahmen und anderen Krisenlagen bedeutet, wo irreversible Entscheidungen ohne Probehandeln unter Zeitdruck gefällt werden müssen, machte er an vier Punkten fest:

  1. Die innere Haltung: Schon vorher entscheiden, was später entschieden werden muss.
  2. Radikale Akzeptanz: Jede Entscheidung basiert teilweise auf Prognosen, Einschätzung und Ungewissheiten - niemals werden alle Faktoren für die Entscheidung bekannt sein.
  3. Optionen eröffnen: Immer wieder gilt es von Neuem, die Zahl der Optionen für eine Entscheidung zu erhöhen, um die Entscheidungsqualität zu verbessern.
  4. Kopf und Bauch im Einklang: Der Kopf sollte nichts tun, was der Bauch nicht fühlt.

In einer folgenden Workshopphase erarbeitete eine Gruppe unter der Leitung von Dr. Jan Lohl und Edeltrud Freitag-Becker anhand von Interviewsequenzen das historische Verhältnis von Supervision und Führung zueinander. Andere Workshops arbeiten zu Führung und Mentalisieren oder Tavistock-Konferenzen.

Am Nachmittag führte Thomas Bockelmann, Intendant des Staatstheaters Kassel, in die Führungsarbeit in (s)einem Theater ein. Eindrücklich verdeutlichte er, dass sich KünstlerInnen nicht über äußeren Druck oder Anreizsysteme führen ließen. Vielmehr sei mit SchauspielerInnen, deren Arbeit ein hohes Maß an Empathie voraussetze, eine sehr sensible Führung hilfreich. Erschwerend komme hinzu, dass Verwaltung und Technik wiederum andere Führungsstile und Denkmuster kennen und zum Teil auch brauchen. So müssen in einem großen Theater sehr unterschiedliche Arbeits- und Führungskulturen zusammengeführt werden.

In der Kongressauswertung stand die Frage im Vordergrund, wo in Organisationen der Raum sei, Unbehagen unterzubringen. Burkard Sievers ging davon aus, dass Vieles "ungedacht Gewusstes" ist - im Grunde also bekannt ist, aber nicht offen gedacht oder gar ausgesprochen werden darf, weil es nicht wahr sein dürfe. Dennoch blieb offen, wie Containment oder gelingende Konzepte von Achtsamkeit umgesetzt werden können. Dies schien dem Podium nach im Polizeipräsidium Münster schon deutlich besser zu gelingen als anderswo.

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