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Der „dämonische“ Tarifkonflikt in der Deutschen Bahn AG: Gedanken eines Mediators (Teil 2)

Am Tarifkonflikt und dem Lokführerstreik und vor allem der seit einigen Wochen in der Presse wiedergegebenen Aussagen der Parteien und ihrer Koalitionäre lässt sich geradezu lehrbuchhaft das weitbekannte Modell zur Konflikteskalation von Friedrich Glasl in fast jeder Stufe erkennen: Positionen verhärten sich, Koalitionen werden gebildet, Gesichtsverlust findet statt, Drohstrategien werden verfolgt und begrenzte Vernichtungsschläge ausgeführt. Geht es gemeinsam in den Abgrund? Gibt es einen Machteingriff durch eine ‚höhere‘ Instanz? In einem ersten Verfahren vor dem Arbeitsgericht Frankfurt am Main scheiterte gestern nach rund acht Stunden mündlicher Verhandlung ein Vergleich (das war vorhersehbar, siehe unten, Stichwort "Nullsummenspiel"); die Klage der Deutschen Bahn AG (DB) wurde abgewiesen. Weiterhin sind sich DB und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) also vollkommen einig: Diese Art und Weise, den Konflikt auszutragen, ist die richtige. Mit Zitaten der Konfliktparteien

aus dem aktuellen Tarifkonflikt möchte ich versuchen, einen Praxisabgleich der von Haim Omer, Nahi Alon und Arist von Schlippe vorgelegten „Psychologie der Dämonisierung“ (2006) durchzuführen. Es ist eine im Bücherschrank wiedergefundene Herangehensweise, Konflikte zu verstehen. Gestern erschien Teil 1 der Überlegungen zu Feindbildern und Eskalationsdynamiken, die Ansätze für Lösungsunterstützungen in Mediationen erweitern, auch wenn „Dämone“ sonst eher in das Reich der Mythen und der Fantasy-Autoren zu gehören scheinen.

Schwerpunkt 2: „Logiken der Eskalation“

Mit Konflikten lässt sich auf unterschiedliche Weise umgehen: deesaklierend, Schmerz vermeidend, respektvoll die Beziehung erhaltend und auf der Suche nach gemeinsamen Zielen. Das sind Aspekte, die die Mediation verfolgt. Im anderen Fall lässt sich von einem destruktiven Umgang mit Konflikten sprechen: Extreme Mittel werden gewählt, positive Verbindungen werden zurückgewiesen, Trennendes wird betont und es gibt ein Verlangen und eine Bereitschaft, dem Gegenüber (und sogar sich selbst) erheblich zu schaden. Dahinter steht das illusorische Versprechen eines ultimativen Sieges. Für diese destruktive Konfliktlösung bedarf es nach den Autoren grundlegender Annahmen. Das charmante daran ist: Die Konfliktparteien sind sich in ihren Haltungen absolut einig – sie handeln symmetrisch. Wie schon gestern den „Prämissen einer dämonischen Sicht“ im aktuellen Tarifkonflikt nachgespürt wurde, soll das im Folgenden auch für die vorgeschlagenen sechs „Annahmen destruktiven Kämpfens“ erfolgen.

1. „Essentielle Asymmetrie“ (139)

Es braucht den Gegensatz: Wir sind die Guten, die anderen sind schlecht. Die Gegenseite wird im Rahmen einer Polarisierung als ‚dämonisch‘ beschrieben – ein „fundamentaler Attributionsfehler“. Eigene Handlungen werden als gerechtfertigte, noble oder alternativlose Reaktionen auf destruktives Verhalten interpretiert. Dazu gehört auch die Vorherrschaft in der Narration des Konflikts, denn die Erzählung der Gegenseite erscheint von diesem verzerrt. Diese scheinbare weil jeweils konstruierte Asymmetrie findet sich im aktuellen Tarifkonflikt par excellence:

  • „Nun, anhand des Tarifdiktats, das uns die Bahn im Hintergrundgespräch vorgelegt hat, war nichts anderes möglich als die Ablehnung, die einstimmig im Hauptvorstand und in der Tarifkommission am heutigen Tage erfolgt ist“. Und später: „Dass die Menschen, die Bahnkunden hier darunter zu leiden haben, ist eine Entscheidung des Bahnmanagements.“ (Claus Weselsky, Interview im Deutschlandfunk, 3.11.2014) – Wir reagieren nur, die anderen haben den Konflikt eskaliert und sind nun selbst Schuld an unserer Reaktion.
  • „Wir wollen nichts unversucht lassen und haben uns schweren Herzens entschieden, jetzt auch mit juristischen Mitteln gegen diesen Streik vorzugehen“. (Ulrich Weber, Personalvorstand Deutsche Bahn AG, Pressemitteilung der DB AG vom 6.11.2014) – Wir reagieren nur schweren Herzens in dieser alternativlosen Situation, die anderen haben den Konflikt eskaliert.

2. „Die Verpflichtung zu gewinnen“ (142)

In einem destruktiven Konflikt ist es unerlässlich, dass das Ergebnis eindeutig ist: Es gibt deutlich einen Gewinner und einen Verlierer des Kampfes. Es ist also ein Nullsummenspiel auf Sieg. Gekämpft wird, bis dieses Ergebnis fest steht. Mediation oder Schlichtung werden rigoros abgelehnt, weil der Kampf dann nicht mehr eindeutig entschieden werden kann.

  • „Wir haben der GDL vorgeschlagen, dass jede Seite einen unabhängigen Schlichter bestimmt. Wir müssen zurückfinden in ein vernünftiges Verhältnis zwischen Tarifparteien.“ (Ulrich Weber, Personalvorstand Deutsche Bahn AG, Pressemitteilung der DB AG vom 5.11.2014) – Das Angebot wurde postwendend abgelehnt, was der Deutschen Bahn AG eine Steilvorlage für die Konfliktnarration (s.o.) bot: Wir sind die Guten, die Schlichtung wollen.
  • „Ein Ende des Konflikts sei nicht durch Schlichtung oder Vermittlung möglich, sondern ‚die Bahn hat darauf zu verzichten, die Grundrechte von Lokführern und Zugbegleitern zu verletzen‘, sagte Weselsky“ im ARD-Morgenmagazin (Claus Weselsky, zitiert nach Spiegel online, 6.11.2014). – Es kann nur Gewinner und Verlierer geben, dies ist ein Nullsummenspiel.
  • „Die Bahn fordere faktisch weiterhin ‚eine Art Unterwerfungserklärung‘ von der GDL. ‚Unter diesen Umständen sehe ich keinen Grund, weshalb wir als Dachverband die in der Satzung vorgesehene finanzielle Streikunterstützung für die GDL in Frage stellen sollten‘“. (Klaus Dauderstädt, Bundesvorsitzender Deutscher Beamtenbund, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 3.11.2014) – Unterwerfung ist eine klare Konfliktlösung im Gewinner-Verlierer-Modus. Mediatoren suchen nach Win-Win-Lösungen.

3. „Das Prinzip der Vergeltung“ (144)

Vergeltung und Rache sind sich sehr ähnlich. Erstere ist noch von Nützlichkeitserwägungen geprägt, bei letzterer überwiegen die Gefühle. Rache ist eine Frage der Ehre, und sich nicht zu rächen ist (mit gewissen Ehrenkodizes) sehr unehrenhaft. Es geht nach guter Väter Sitte ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ (auch wenn das schon überkommen sein sollte), und es entsteht eine Symmetrie mit Übereinstimmungen wie: Eine Beleidigung zu ignorieren oder einen Kampf zu verlassen ist unehrenhaft.

  • „Nun, ich darf gut und gerne zugestehen, dass die Hetzkampagne gegen die ehrenwerten Berufe Lokführer und Zugbegleiter und auch gezielt gegen meine Person in den vergangenen Wochen ihre Wirkung nicht verfehlt haben, aber nicht bei den GDL-Mitgliedern, sondern bei der Öffentlichkeit.“ (Claus Weselsky, Interview im Deutschlandfunk, 3.11.2014) – Beleidigt wird also, zumindest im Gefühl des Empfängers. Und es geht gegen die EHRE-nwerten, ein etwas aus der Mode gekommenes und deshalb auffälliges Wort. Wie lässt sich die Ehre wiederherstellen?

4. „Der Drang nach totaler Kontrolle“ (145)

Das Ergebnis des Kampfes (die Niederlage) ermöglicht die totale Kontrolle über den Unterlegenen. Hier sind vier unterschiedliche Grade vorstellbar: Umwandlung und Bekehrung, Unterjochung, Ausweisung und Elimination.

  • „Die Bahn hat darauf zu verzichten, die Grundrechte von Lokführern und Zugbegleitern zu verletzen“ (Claus Weselsky im ARD-Morgenmagazin, zitiert nach Spiegel online, 6.11.2014). – Ziel soll also eine Unterjochung des Gegners sein.
  • „Zur Sicherung der Schutzfunktion, Verteilungsfunktion, Befriedungsfunktion sowie Ordnungsfunktion von Rechtsnormen des Tarifvertrages werden Tarifkollisionen im Betrieb vermieden“ (Entwurf des Bundesarbeitsministeriums für ein Gesetz zur Tarifeinheit, zitiert nach Reuters-Meldung vom 4.11.2014) – Ziel soll also eine generelle Mischung aus Bekehrung und Unterjochung sein.
  • „Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer begrüßte den Entwurf: ‚Er beendet den unhaltbaren Zustand der Konkurrenz von mehreren Tarifverträgen für ein- und dieselben Beschäftigten.‘“ (Reuters-Meldung vom 4.11.2014) – Ziel ist die generelle Elimination des Problems.

5. „Verdächtigung und Heimlichkeit“ (147)

Verdächtigung und Wachsamkeit gehören eng zusammen: Nur wer stets auf der Hut ist und die anderen im Auge behält, ist vor Überraschungen gefeit. Positive Handlungen der anderen werden (siehe Teil 1, Prämisse 2) als listige Hinterhalte interpretiert. Die Strategie wird im engsten Kreis entwickelt und möglichst lange geheim gehalten. Auch dieses Vorgehen eint die Konfliktparteien.

  • „Wir werden alles machen, vielleicht auch das, was nicht immer alles in der Öffentlichkeit bekannt ist, um die Gespräche fortzuführen“. (Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, in: Handelsblatt online, 4.11.2014) – Der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt: Bestechung? Erpressung? Entführung? Unterminierung? Oder etwas Legales?
  • „Der Versuch der Deutschen Bahn, die Beschäftigen durch das unablässige Werfen von Nebelkerzen zu spalten ist erneut kläglich gescheitert.“ (Claus Weselsky, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Pressemitteilung vom 18.10.2014) – Achtung, die anderen setzen Verwirrungstaktiken ein, seid wachsam!

6. „Das Prinzip der Unmittelbarkeit“ (148)

Die Konfliktparteien glauben, dass jeder einzelne Moment über Sieg oder Niederlage entscheiden kann. Deshalb ist die sofortige Reaktion notwendig. Dies führt aber auch zu einer selektiven Blindheit gegenüber langsameren Entwicklungsprozessen. Auch hier ein aktuelles Beispiel:

  • „Mit großem Unverständnis nimmt die Deutsche Bahn zur Kenntnis, dass die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) das gestrige DB-Angebot für eine Schlichtung postwendend und offenbar ohne ernsthafte Prüfung abgelehnt hat. […] Um dennoch großen Schaden […] abzuwenden, hat sich der DB-Vorstand nach intensiver Beratung entschieden, gegen den angekündigten Rekordstreik der GDL beim Arbeitsgericht Frankfurt/Main den Erlass einer einstweiligen Verfügung zu beantragen.“ (Pressemitteilung der DB AG vom 6.11.2014) – Die GDL lehnt kurzfristig die Schlichtung ab, der DB-Vorstand beantragt postwendend eine einstweilige Verfügung beim Arbeitsgericht – alles binnen 24 Stunden.

Wie es weitergeht...

Im Beispielkonflikt lässt sich das nur erahnen. Solange beide Parteien an einem Nullsummenspiel festhalten, wird nur ein Machteingriff einer höheren Instanz zu einem vorzeitigen Ergebnis führen. Bis dahin oder sonst bleibt es ein Powerplay, eine Schlichtung oder gar Mediation scheinen unerreichbar weit entfernt.

Die Autoren hingegen stellen diesen dämonisch-destruktiven Eskalationslogiken als Gegenmodell „konstruktive, nicht-dämonische Kämpfe“ gegenüber. Diese versuchen, konstruktiv in kleinen Schritten positive Veränderungen zu erreichen. Dazu gehören neben gewaltlosem Widerstand auch Entschleunigung und das Prinzip des Reifens sowie eine Asymmetrie der Mittel: Eskalation wird mit Deeskalation beantwortet, Vergeltung mit Aushalten. Das führt nicht schnell zu einem Ergebnis, dafür aber ans Ziel. So kann ein gemeinsamer Weg beginnen. 

Zum gut verständlichen Weiterlesen empfohlen: Haim Omer/Nahi Alon/Arist von Schlippe: Feindbilder. Psychologie der Dämonisierung, Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2006 u. ö. Oder aber auch die zusammenfassende Präsentation vom Konfliktmanagement-Kongress in Hannover 2014.

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