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Fachbeitrag: Always on. Vom Umgang mit Smart Devices

Das Wachstum ist rasant: Die Anzahl der Smartphones hat 2012 binnen Jahresfrist weltweit um 46,6 % auf über eine Milliarde tatsächlich genutzte Geräte zugenommen (Handelsblatt 17.10.2012), für 2018 prognostiziert eine andere Studie 3,3 Milliarden genutzte Geräte (a. a. O., 21.11.2012). In der Regel werden Lobeshymnen auf Smart Devices gesungen, also neben Smartphones auch andere mobile Kommunikationsgeräte wie Notebooks, die ständig mit dem Internet verbunden sind und sich durch mediale Konvergenz auszeichnen. Sie lassen flexiblere Arbeitszeiten und damit die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu, sie beschleunigen Arbeitsprozesse, sie helfen dabei, Kosten zu sparen, sie optimieren das Leben:

Smart Devices sind im Allgemeinen positiv, fortschrittlich und attraktiv attribuiert. Weil die Vorteile der Smart Device-Nutzung relativ offen auf der Hand liegen, möchte ich im folgenden Beitrag kritisch aus soziologischen und psychologischen Perspektiven darauf blicken.

Smart Devices entgrenzen doppelt und dreifach

Seit rund 15 Jahren diskutieren Soziologie und Arbeitswissenschaften unter dem Begriff „Entgrenzung der Arbeit“ (Voß 1998) das Phänomen, dass Erwerbsarbeit zunehmend von zeitlichen, räumlichen, rechtlichen und biographischen Strukturen gelöst wird (Kratzer 2008). Dazu gehört auch, dass die Grenze zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben verwischt wird. Am Beispiel Mobilkommunikation wird dies deutlich: Die Möglichkeit, von unterwegs nicht nur zu telefonieren sondern seit 1994 auch zu chatten, zu surfen, zu E-mailen, bieten Smartphones. Man spricht deshalb von Allgegenwärtigkeit (ubiquitous computing), weil intelligente Geräte (Smart Devices) überall und immer vernetzt und arbeitsfähig sind. Die Gerätevielfalt, ihre Leistungsfähigkeit und auch die Medienkonvergenz nehmen weiter zu. Sie verstärken die Entgrenzungsprozesse und in deren Folge auch Stress. Drei Entgrenzungen möchte ich beschreiben:

Die erste Entgrenzung besteht im Eindringen der Arbeitswelt in vormals erwerbsarbeitsfreie Räume: Allein ein Rufbereitschaftsdienst mindert das Wohlbefinden, selbst wenn kein Anruf erfolgt (Dettmers et al. 2012). Dabei wird die Erreichbarkeit durch den Zusatz „ständig“ meist in der Zeitdimension gedacht, gleichwohl findet die Entgrenzung auch räumlich statt. Mobile Kommunikation ist allgegenwärtig, also sowohl jederzeit als auch überall verfügbar. Es ist nicht mehr wichtig, an welchem Ort sich eine Person aufhält und arbeitet, denn sie ist überall mit ihrer sozialen Umwelt verbunden. Der eine Ort ist nicht besser geeignet als der andere (ausgenommen stressverursachende Funklöcher ohne Netzanschluss).

Während die entgrenzte Arbeit schon umfassend beschrieben wurde, findet die zweite Entgrenzung - das umgekehrte Eindringen des Privatlebens in die Erwerbsarbeitswelt - bisher weniger wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Jurczyk (2009) beschreibt diese „Gemengelage der doppelten Entgrenzung“. Im familienfreundlichen Unternehmen darf selbstverständlich der Kindergarten oder das Pflegeheim auch mobil anrufen, wenn es ein Problem gibt. Andere Arbeitgeber untersagen dies. In beiden Fällen bedeutet es Stress für die Mitarbeitenden.

Eine dritte Form der Entgrenzung betrifft die Gerätetechnik: Smart Devices erfüllen neben Sprach-, Bild- und Textkommunikation inzwischen auch Aufgaben der Geldbörse, eines Reisebüros, eines Lexikons, von Wörterbuch und Plattensammlung sowie eines 2nd-Screens im Kino, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein Smart Device ist damit ein hochgradig personalisiertes und für den Alltag zentrales Artefakt, weil der Alltag ohne das Gerät kaum mehr funktioniert. Je mehr in einem Gerät vereint ist, desto gefährlicher ist der Verlust für die Person. Sie wird verletzlich, und diese Vulnerabilität lässt Unsicherheit entstehen (Fortunati 2008). Es droht zudem eine Entmündigung durch ‚smarte‘, also vermeintlich intelligente Systeme, die autonom agieren. Die ‚smarte‘ Google-Brille beispielsweise erweitert die Wirklichkeit durch Informationen (augmented reality) und deutet sie dadurch vor. Zu den bereits beschriebenen Entgrenzungen ist damit auch die Schnittstelle Mensch-(Computer)System hinzuzufügen, denn sie wird unsichtbar und verwischt: Wo fängt systemgedeutete Wirklichkeit an? Wo hört die subjektive Deutungshoheit auf? Zusammengefasst lassen sich also folgende drei Entgrenzungen beschreiben:

a) Arbeit dringt in vormals private Räume (Ort und Zeit) ein

b) Privates dringt in vormals der Erwerbsarbeit vorbehaltene Räume (Ort und Zeit) ein

c) Realität und Virtualität verschmelzen ubiquitär, Übergänge sind fließend und unsichtbar

Für die Grenzziehungen ist zunehmend das Subjekt verantwortlich

Unter dem Begriff „work-life-balance“ werden diese Entgrenzungen sowohl wissenschaftlich als auch in [...]

 

Dieser Text mit Grafiken erschien in der Zeitschrift: Supervision. Mensch – Arbeit – Organisation, 4/2013 (31), S. 30-37 und kann hier nicht in vollem Umfang erscheinen, weil er unter dem Schutz des deutschen Urheberrechts steht. Vielleicht mögen Sie ein Heft der Zeitschrift Supervision online erwerben? Oder mich kontaktieren, dann kann ich Ihnen gern den vollständigen Text zukommen lassen.

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