Orevo - Aktuelles

Geschlechtergerechtigkeit und Beratung (Fachtagung in Kassel)

"Was bedeutet die Gender-Thematik eigentlich für Beraterinnen und Berater?", fragte Professorin Dr. Heidi Möller eingangs vor gut 120 Teilnehmenden des Fachforums "Geschlechtergerechtigkeit und Beratung" in der Universität Kassel. Auf dem Programm standen zahlreiche Fachvorträge aus dem Verbundforschungsprojekt  GEnder MAINStreAMing - (GEMAINSAM) Veränderungen erreichen (siehe unten) und ergänzende Workshops.

Aus Beratersicht war für Volker Walpuski Folgendes interessant:

  • Professor Dr. Martin Schweer stellte seine Forschungen zu einem Gender-Bewusstsein in Organisationen vor. Deutlich wurde in seinem Vortrag, dass Kriterien für ein Bewusstsein von Geschlechtergerechtigkeit in Teams und Gruppen zu entwickeln ist. Und dass dieses Bewusstsein sehr unterschiedlich ausgeprägt ist - zum Teil im Zusammenspiel mit der Organisationskultur. 
  • Die von Professorin Dr. Heidi Möller aufgeworfenen Fragen zur Geschlechtergerechtigkeit und zum normativen Verhalten des Beraters: Möller ermunterte dazu, die eigene Beratung unter Gender-Aspekten zu reflektieren. Dazu könnten die Fragen nach eigenen Erwartungen an Geschlechterrollen dienen. Oder Fragen danach, wo die Beratung bestehende Macht unterstützt und Herrschaftsverhältnisse festigt. Relevant wird dies zum Beispiel bei der Frage nach guter Führung: Unterscheidet sich gute weibliche und männliche Führung, und wenn ja worin?
  • Dr. Astrid Schreyögg, bekannt für zahlreiche Veröffentlichungen rund um das Thema Coaching, präsentierte ihre Überlegungen zum Life-Coaching: Schreyögg plädierte dafür, nicht nur Business- oder Executive-Coaching zu betreiben. Vielmehr ginge es darum, systemisch das gesamte Umfeld eines Coachees in den Blick zu nehmen. Für Dual Career Couples ist das dann die Familie (so sie besteht). Denn durch der Geburt eines Kindes zieht bei einem vorher weitgehend gleichen Dual Career Couple häufig eine neue Ungleichheit ein. Kritisch musste sich Schreyögg jedoch vom Publikum fragen lassen, ob sie nicht ausschließlich von überdurchschnittlich Verdienenden mit einem sehr klassichen Karrierekonzept ausginge. Zudem gab es Diskussionsbeiträge, dass die von Schreyögg skizzierten Annahmen kaum für die Generation Y der heute 20-30-Jährigen so zuträfen, weil diese ein anderes Wertekonzept hätten. Andere Kritik richtete sich dagegen, dass die strukturelle Dimension von Ungleichheit außer Acht blieb. Schreyöggs Ansatz, durch Effizienzsteigerung, besseres Management und optimierte Selbstorganisation die Dual Career Family zu meistern, sei zudem eine Subjektivierung des Problems analog der subjektivierten Erwerbsarbeit.
  • In der von Professorin Dr. Heidi Möller moderierten Talk-Runde "Was hat Mann von Geschlechtergerechtigkeit im Unternehmen?" entstand der Eindruck, dass die vier anwesenden Personalverantwortlichen von Unternehmen und Konzernen Geschlechtergerechtigkeit vor allem als wettbewerbsbedingte Frauenförderung bei drohendem Fachkräftemangel begriffen: "Wir sind doch viel wettbewerbsfähiger, wenn wir nicht 50 % der möglichen Fachkräfte ausschließen, nur weil sie Frauen sind.", waren mehrere sich ähnelnde Statements. Ein Lichtblick war da das Statement von Michael Standfest-Voß von der SMA Solar Technology AG, Kassel: Geschlechtergerechtigkeit hieße auch, dass die Erwartungen an Männer und ihre Rollen sich verändern. So müsse es Männern im Gegenzug auch möglich sein, in Teilzeit zu arbeiten oder früher zu gehen, um Kinderbetreuung zu ermöglichen. Dem stünden Unternehmenskulturen aber öfter entgegen.
  • Ähnliche Beobachtungen griff auch Professorin Dr. Elisabeth Tuider in ihrem Abschlussbeitrag "Beobachtungen und Eindrücke zur Tagung aus der Perspektive einer Genderforscherin" auf: Am Fachforum nahmen Frauen im Verhältnis zu Männnern etwa 10:1 teil. Geschlechtergerechtigkeit wurde mehrfach mit Frauenförderung gleich gesetzt.

Am Ende des Tages standen viele neue Anregungen zur weiteren Diskussion für die eigene Beratungsarbeit. Unter anderem der für die Forschung rund um Smart Devices relevante Gedanke, ob Nicht-Erreichbarkeit eine Gläserne Decke für den Aufstieg ist. Dass das Thema bewegt, zeigt auch die aktuelle Ausgabe des Harvard Business Managers mit dem Schwerpunktthema "Frauen im Management".

 

Hintergrund:

Das Forschungsverbund­projekt GEnder MAINStreAMing - (GEMAINSAM) Veränderungen erreichen (gefördert vom BMBF/ ESF/ EU) der Universität Vechta veranstaltete am 26. September 2013 in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. (DGSv) das Fachforum „Geschlechtergerechtigkeit und Beratung“ an der Universität Kassel. Im Rahmen dieses Fachforums referierten der Projektleiter des Ver­bundprojektes, Univ.-Prof. Dr. Martin K. W. Schweer und die Projektpartnerinnen Univ.-Prof.‘in Dr. Nina Oelkers (Vechta) und Univ.-Prof.‘in Dr. Heidi Möller (Kassel) in einzelnen Beiträgen über die Bedeutung von Geschlecht  ('sex' und 'gender') im Kontext der Beratungsarbeit. Darüber hinaus wurden in mehreren Workshops thematische Aspekte vertieft. Das Tagungsprogramm finden Sie hier.

joomla template

© 2010-2018 Orevo | Wilhelm-Bluhm-Straße 44 (Hinterhaus) | D 30451 Hannover