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Von neurobiologischen Sichtweisen, Traumata und vom Konsensieren

Der Bogen des 9. Konfliktmanagement-Kongresses 2012 in Hannover war weit gespannt: Neurobiologische Sichtweisen, innovative methodische Ansätze und Psychotherapie sind nur einige der relevanten Stichworte des Tages. Von drei persönlichen Highlights möchte Volker Walpuski rückblickend berichten:

Mit der „neurobiologischen Sicht auf den Konflikt: Zur Einordnung der Aggression und zur Bedeutung der Kooperation“ eröffnete Prof. Dr. Joachim Bauer von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg den Kongress. Sehr vereinfacht lässt sich zusammenfassen: Anhand der präsentierten Studien wurde schnell deutlich, dass Erfahrungen von Trennung, Missachtung, Demütigung und sozialer Ausgrenzung vom Gehirn wie körperlicher Schmerz verarbeitet werden. Das Gehirn reagiert auf Schmerz mit Aggressionen. Ziel der Aggression ist, den Körper zu schützen und weiteren Schmerz zu vermeiden. Es wäre jedoch zu einfach, aggressives Verhalten als direkte Antwort auf sozialen "Schmerz" zu verstehen. Denn Aggressionen können auch erheblich zeitverzögert oder auf ganz andere Personen (bspw. Schwächere) gerichtet ausgelebt werden. Kooperatives Verhalten hingegen löst Belohnungsgefühle aus, weil es die Ausschüttung von "Glückshormonen" wie Dopamin oder Oxytocin stimuliert. So bleibt als Resultat zunächst der medizinisch-biologische Beweis, dass Kooperation glücklich macht, während aggressives Verhalten nur Antwort auf erlittenen Schmerz ist.

Dr. Erich Visotschnig stellte die in Graz (Österreich) entstandene Methode des Systemischen Konsensierens vor. Das Konsensieren ist eine Methode, konfliktbeladene Diskussionen in Gruppen einer schnellen Lösung zuzuführen. Neu daran ist, dass nicht über die Zustimmung der Gruppenmitglieder zu einer Lösung gearbeitet wird. Vielmehr wird versucht herauszufinden, welche Lösung den geringsten Widerstand unter allen Gruppenmitgliedern aufweist. So entsteht ein methodischer Mittelweg zwischen kreativer und breiter Lösungsfindung und effizienter Einigung auf eine Lösung. Am Ende kann zwar eine Lösung stehen, der einzelne Gruppenmitglieder überhaupt nicht zustimmen. Es ist aber die Lösung mit dem geringstern Widerstand in der Gruppe. Die Methode erscheint mir insbesondere für politische Prozesse und große Gruppen einer näheren Betrachtung Wert zu sein.

Der Mediator Heiner Krabbe beschäftigt sich seit Jahren mit hocheskalierten Konflikten. In diesem Workshop teilte er seine Erfahrungen aus zahlreichen Familienmediationen mit narzisstisch gestörten und traumatisierten Medianden. Kernpunkte seines Vortrages waren dabei methodische Herangehensweisen für den Mediator, aber auch die Frage, bis zu welchem Punkt Mediation überhaupt einsetzbar ist. Eindrücklich waren zudem seine kurz angespielten Praxisszenen.

Insgesamt war der Konfliktmanagementkongress äußerst lohnend. Die Auswahl war zu groß: Auch die Workshops zu Restorative Justice lockten. So bleibt mir nur die Vorfreude auf den Herbst 2013.

 

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