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Buchrezension: „Organisationsentwicklung konkret. 14 Fallbeispiele für betriebliche Veränderungsprojekte“

Der Band fasst 14 zum Teil aktualisierte Zusammenfassungen von Masterarbeiten des Studiengangs Organisationsentwicklung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich, aus den Jahren 2002 bis 2009 zusammen. Als roter Faden zieht sich der Ansatz systemischer Organisationsberatung durch die Texte, der immer wieder neu reflektiert und angewandt wird. Der Fokus liegt...

... jeweils auf Instrumenten und Methoden in ihrer praktischen Anwendung. Dabei will der Band „diese Tools nicht einfach abstrakt auf[…]liste[n], sondern in ihrer konkreten Anwendung innerhalb eines konkreten Fallbeispiels ausführlich beschr[ei]ben und analysier[en]“ (S. 9). Dies Vorhaben gelingt den einzelnen AutorInnen mit sehr unterschiedlichen Brillen und Rucksäcken durchweg gut.

Zwangsläufig nähern sich die neun Autorinnen und fünf Autoren aus Österreich und der Deutschschweiz unterschiedlich ihrer Aufgabe: Einige beschreiben vertiefend die Organisation in der Beratung, andere führen umfassender in die zugrundeliegende Theorie ein, Dritte reflektieren intensiver persönliche Anteile.

Die Auswahl der beratenen Organisationen (Alten-/Krankenpflege, öffentliche Verwaltung, Versicherung, Bildung, Forschung, Politik) ist sehr breit, eine Häufung im sozialen und öffentlichen Sektor ist aber festzustellen. Dies dürfte jedoch unwesentlich sein, da die Beratungsprozesse im Vordergrund stehen.

Erwartet werden darf weder ein Rezeptbuch, das Schritt-für-Schritt-Anleitungen bereit hält, noch ein Beitrag zur Theoriediskussion. Trotzdem ist beides immer wieder in Ansätzen enthalten. Die AutorInnen reflektieren eigene Organisationsentwicklungsprojekte aus ihrem Arbeitsumfeld. Punktuell wird dabei sichtbar (und stellenweise auch explizit benannt), dass die sie über wenig systemische Praxiserfahrung verfügen und zum Teil sehr kleinteilige Module aus den Projekten beschreiben. Dies kann allerdings auch als Stärke verstanden werden, da Grundlegendes neu benannt, aggregiert und einsortiert wird.

Die 14 Beiträge machen den Sammelband zu einem Buch, das sehr gut etappenweise in beliebiger Reihenfolge gelesen werden kann, da die einzelnen Fälle unabhängig voneinander sind. Etwas lieblos ist hingegen leider die formale Gestaltung ausgefallen: Dem Lesefluss hätte beispielsweise ein rechtschreibsicheres Lektorat gut getan.

Jeder der im Schnitt 20-seitigen Beiträge hat einen anderen Fokus und andere Stärken. Im Folgenden möchte ich drei Beiträge herausgreifen. Dabei hat es sich ergeben, dass jeder Beitrag aus einem anderen Kapitel des Sammelbandes stammt, also aus einer anderen Perspektive (Führungskraft, interne OE, externe Beratung) geschrieben wurde.

Regula A. Bircher beschreibt in ihrem gut lesbaren Beitrag (S. 56-75) „Organisationsentwicklung im Organisationsabbau – ein Paradoxon?“ den geordneten „Abbauprozess der Schule für Physiotherapie am Universitätsspital Zürich“ von 2004 bis 2009 aus Sicht der Schulleiterin. Mich hat beeindruckt, wie die Emotionen der Mitarbeitenden in dem fünfjährigen Prozess des ‚Sterbens auf Raten‘ sehr deutlich und eindrücklich beschrieben werden: Neben Trauer und Verunsicherung wird auch der Spannungsbogen greifbar, der von den Mitarbeitenden schwer zu ertragen war. Die Stimmung in der Schule wird sehr plastisch beispielsweise anhand der Befindlichkeitskurve nach Luc Ciompi beschrieben. Die ungewöhnliche Langwierigkeit eines Abbauprozesses, der vor allem in Wirtschaftsorganisationen häufig schneller, radikaler und stiller stattfindet, führt zu lesenswerten Beobachtungen und Schlüssen, beispielsweise der Betroffenheit der mit dem Abbau beauftragten oder der Notwendigkeit, eine Projektorganisation für den Abbau zu installieren. Eine sehr gute Reflexion der im Nachhinein beobachteten Fehler rundet den ungewöhnlichen Beitrag ab.

Barbara Keller Foletti beschreibt in ihrem Beitrag (S. 165-192) „Organisationsentwicklung in Expertenorganisationen – eine Herausforderung“ die „Weiterentwicklung der interdisziplinären Zusammenarbeit und der Strukturen in einem Institut einer Schweizer Hochschule“ im Jahr 2003. Der Fokus liegt auf der internen Beratung des schnell wachsenden Instituts für Facility Management der ZHAW. Dieses Reorganisationsvorhaben findet im Kontext der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in einer komplexen Expertenorganisation mit Matrixstruktur statt. Der Beitrag ist durch seine klare Struktur und die zahlreichen übersichtlichen Grafiken sehr gut lesbar, beschreibt letztlich aber leider nur eine Klausurtagung der Institutsangehörigen, die einen Rahmen absteckte, schließlich aber wenig greifbare Ergebnisse lieferte. In deren Reflexion wird vor allem deutlich, wie schwierig die Rolle einer internen Beraterin in den beschriebenen Umwelten wahrzunehmen ist. Ich hätte mir im Nachgang des Workshops an dieser Stelle mehr Gedanken über die Widerstände im System gewünscht, habe mich aber auch über die gute Theoriediskussion gefreut.

Markus Kaiser beschreibt in seinem Beitrag (S. 273-285) „Entwickeln eines Führungssystems“ die „Einführung eines integrierten Managementsystems in einem Amt der öffentlichen Verwaltung“ in Basel. Auslöser für den Beratungsprozess war die geplante Einführung einer ERP-Software. Im Zuge der Vorbereitungen wurde deutlich, dass Leitung bisher aus Erfahrung oder nach dem Lustprinzip aber selten systematisch agiert hat. Markus Kaiser bringt in das Projekt das Integrierte Management-Modell von Knut Bleicher (vgl. St. Galler Management-Modell) ein, dessen Dimensionen im Beratungsprojekt ausgelotet und gefüllt werden. Kaisers gut strukturierter Beitrag ist etwas abstrakter und hält sich nicht gleichermaßen an Detailfragen auf, wie viele andere Beiträge im Band das tun. Einerseits erleichtert dies die Lektüre, und der rote Faden ist leichter zu finden und verfolgen, andererseits fehlt dem Beitrag dadurch ein wenig die Praxisnähe und persönliche Betroffenheit der anderen besprochen Beiträge. Vier Abbildungen machen die eingesetzten Methoden gut sichtbar. Urs Leugger ergänzt Kaisers Reflexionen um einen „Beitrag aus dem Kundensystem“ und verleiht damit der Betrachtung eine gute Bestätigung.

Organisationsentwicklung konkret. 14 Fallbeispiele für betriebliche Veränderungsprojekte. Herausgegeben von Ralph Grossmann und Kurt Mayer. Wiesbaden: VS Verlag, 2011, 318 Seiten, Euro 39,95, ISBN 9783531177007

Die Buchbesprechung ist in der Zeitschrift Supervision 1/2012 der Stiftung Supervision erschienen und steht unter dem Schutz des deutschen Urheberrechts.

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